MANAGEMENT

WANTED – Das neue (alte) Dilemma des Fachkräftemangels

So brisant und akut war es noch nie. Das Thema Fachkräftemangel hat unsere Branche hart getroffen und durch die Pandemie wurde viel Öl in ein Feuer gegossen, das bereits seit Jahren lodert.
Wir als Beratungs- und Marketingunternehmen stehen seit mehr als 20 Jahren an der Seite unserer Kunden und haben ihren „Hilferuf“ ganz konkret miterlebt. Hier ist Handlungsbedarf gefragt. Es braucht Lösungen, um die Branche aus diesem Dilemma zu retten. Wir wollen Partner für unsere Kunden sein und sehen unsere Aufgabe auch darin, nach Maßnahmen zu suchen, um ihnen zu helfen.
In diesem einleitenden Beitrag möchten wir unsere Erfahrungen und Einschätzungen mit Ihnen teilen.

Qualität im Service beruht auf geschulten Mitarbeitern.

Reicht gutes Employer Branding?

Eine starke Arbeitgebermarke sein – dieses Ziel hat wohl (fast) jedes Unternehmen und ist darum bemüht, durch ein attraktives Arbeitsumfeld Mitarbeiter zu binden. Wie sehr sich gerade im Bereich der Hotellerie die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Mitarbeiter auf jene der Gäste auswirkt, ist eine altbekannte Tatsache. Gastgeber sein bedeutet Werte und Emotionen zu vermitteln, die man in erster Linie selber erfährt. Authentizität ist für erfolgreichen Tourismus ein Must.

Die Corona-Pandemie war nicht nur ein harter Schlag für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, sondern auch für die Existenz unserer Branche. Was hilft mir schon ein gutes Employer Branding, wenn alles geschlossen wird? Von heute auf morgen gibt es keine Serviceschicht mehr, sondern alle stehen tatenlos da. Sind wir plötzlich nutzlos? Diese Frage plagte viele Mitarbeiter über Monate ohne jegliche Perspektive. Und mittendrin der fast hilflose Arbeitgeber. Sehr oft stand er vor der schwierigen Entscheidung, welche Fachkräfte er behalten sollte und welche nicht. Ein zwischenmenschliches Desaster.

Das Dilemma (vor und nach Corona)

Hatte uns dieser Frühling endlich Licht am Ende des Tunnels versprochen – und durch den Restart so weit auch beschert – standen viele unserer Kunden vor einem neuen Problem: Das Haus ist voll gebucht und es fehlt mir an allen Ecken an Personal.

Gut über Wasser halten konnten sich vor allem Familienbetriebe, indem sie schlichtweg vermehrt selbst Hand anlegten, wo es brannte. So wurden der Chef und die Chefin des Hauses schnell mal zu Rezeptionisten, Gärtnern oder Kofferträgern. Ganzjahresbetriebe waren sicherlich weniger von der Knappheit der Mitarbeiter betroffen, da sie ihr Personal während der Monate der Schließung teilweise durch den Lohnausgleich halten konnten. Die am meisten Leittragenden waren definitiv die Saisonbetriebe, da die „Auszeit“ und die damit verbundene finanzielle Unsicherheit für viele ihrer Mitarbeiter definitiv zu groß waren. Ein Jobangebot im Handel mit geregelten Arbeitszeiten, fixem Gehalt – vielleicht sogar 14-mal im Jahr – war nun mehr als attraktiv. Und schon war der über einige Jahre ausgebildete Mitarbeiter weg.

Und wer einmal weg ist, kommt wahrscheinlich nicht so schnell zurück. Es gibt auch andere Berufe.

Ein neues Image muss her

Abendschicht, der Sonntag ist kein Ruhetag und Urlaub sicher nicht im Sommer. Klingt nicht sehr verlockend für eine Stellenbeschreibung. Im Gastgewerbe aber so gut wie eine Tatsache. Daran hat auch die Pandemie nichts geändert. Das Berufsbild der Fachkräfte im Tourismus hatte schon lange vor dem Virus nicht den besten Status. Das hat Corona der Branche eindeutig zum Verhängnis gemacht. Hier muss es einen Umschwung geben. Der Schlüssel dafür könnten leistungsorientierte und flexiblere Arbeitsmodelle sein. Zentraler Punkt dabei natürlich das Gehalt. Künftig müssen Jobs in diesem Gewerbe eine andere Wertschätzung erfahren, denn sie erfordern Mehraufwand. Mit so einem Job muss man einfach richtig gut Geld verdienen können. Ohne Preissteigerung auf dem Markt wird das nicht funktionieren. Aber für einen zukunftsorientierten Qualitätstourismus gibt es nicht viele Alternativen.

Work-Life-Balance. Diesem Wunsch muss die Branche gerecht werden.

Work-Life-Balance

Der gesellschaftliche Wandel hat das Bedürfnis nach einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben immer wichtiger gemacht. Diesem Wunsch muss auch unsere Branche gerecht werden und die Lebensqualität der Mitarbeiter in den Fokus stellen. Nur ein Umdenken sowohl auf Seiten der Unternehmer als auch der politischen Vertreter kann die Weichen für ein Lebenskonzept der Mitarbeiter stellen, das erfüllende und hochwertige Arbeit verspricht.

Personal ist nicht gleich Personal

Qualität im Service beruht auf geschultem Personal. Nicht jeder wird heute zum Rezeptionisten und morgen zum perfekten Kellner. Das sind Notlösungen, die schneller als gedacht zum Verhängnis werden. Schlechte Rezensionen machen unermesslichen Schaden. Wo finde ich aber nun das fachlich ausgebildete Personal, wenn viele Abgänger noch vor dem Einstieg die Branche wechseln? Hier sollten selbst Recruitingprozesse initiiert werden, die die Branche aus der Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Fachschulen ins Leben ruft. Ausbildungszentren, die den Abgängern eine konkrete Perspektive am Markt sichern, wäre die Zukunftsmusik.

Das liebe Geld

Jeder ehrliche Unternehmer möchte einen wertvollen Mitarbeiter mit einem entsprechenden Honorar entgelten, ihn motivieren und vor allem an das eigene Haus binden. Was aber, wenn die sozialen Nebenkosten dermaßen in die Höhe schnellen, dass sich das beim besten Willen so gut wie kein Arbeitgeber leisten kann? Umso unmöglicher noch im Tourismussektor, wo diese Nebenkosten aufgrund von besonderen Auflagen nochmal ansteigen.
Hier braucht es ein Umdenken auf politischer Ebene. Dazu kommen Bedürfnisse für zeitgerechtere Arbeitsverträge sowie Möglichkeiten zur Auflösung von Arbeitsverträgen unter bestimmten Konditionen.

Digitale Lösungen können Personalmangel entgegenwirken.

Die schnelle (digitale) Hilfe

Gerade als Beratungs- und Marketingunternehmen suchen wir vermehrt nach Lösungen, um Arbeitsprozesse in der Hotellerie zu optimieren. Wir schlagen heute keinem Kunden vor, ein 6-Gänge-Menü zu servieren, wenn es ihm an Fachkräften fehlt. Das würden auch die Künste eines Sternekochs nicht mehr gutmachen. Ein Betrieb kann sich im Falle von Personalmangel strukturell entsprechend rüsten und an Konzepte wie Luxury Apartments, Self-Catering oder auch Trust Bars, die ohne Bedienung funktionieren, denken. Die Pandemie hat auch gezeigt, dass innovative Lösungen wie ein Digital-Concierge effizient sind und Personaleinsparungen bringen können.

Nichtsdestotrotz sind wir davon überzeugt, dass der Mehrwert für den Gast auf zwischenmenschlichen Beziehungen beruht. Heute sogar mehr denn je. Gerade daher muss es für die menschlichen Ressourcen – das wahre Potenzial des Erfolgstourismus – künftig neue Rahmenbedingungen geben.