MANAGEMENT

Hotels, die Geschichten erzählen

Kennengelernt haben sie sich in Mailand, im Studio des renommierten Architekten Matteo Thun. 2010 sind sie nach Südtirol zurückgekehrt, um ein eigenes Büro zu eröffnen, das internationale Ansätze und lokale Identität vereint. Für sie ist jedes Projekt wie ein Kind, das es verdient, mit viel Liebe großgezogen zu werden. Die Rede ist von Stefan Rier und Lukas Rungger, auch bekannt als noa*. Wir haben uns mit Rier getroffen und jene Aspekte besprochen, die bei der Planung eines Hotels von Wichtigkeit sind.

Sie sind bekannt dafür, dass Sie den Anspruch verfolgen, Geschichten zu bauen anstatt Häuser zu entwerfen. Was steckt hinter dieser Philosophie?
Dieses Konzept beginnt mit dem Hotel selbst, immerhin steckt hinter jeder touristischen Realität eine Geschichte. Im Hotel schläft oder isst man nicht nur, man geht hin, um den Ort und die Personen, die dort leben, kennenzulernen. Mit unserer Architektur versuchen wir das zu vermitteln, was der Hotelier erzählen möchte. Diese „Geschichten“ sind es, die einen Aufenthalt erst authentisch machen, die Erinnerungen schaffen und motivieren, wiederzukehren.

Nichtsdestotrotz kann man sagen, dass Kreativität und somit auch die Interpretation dieser Geschichten subjektiv ist. Ist es Ihnen schon mal passiert diese falsch zu deuten?
In Wahrheit findet man immer eine passende Geschichte. Im Gegensatz zu Wettbewerben, bietet die Planung eines Hotels eine gute Gelegenheit, um sich mit dem Hotelier auszutauschen und ihn besser kennenzulernen, auch in einem informellen Kontext. So ist es möglich, seine Leidenschaft und seine Lebensphilosophie kennenzulernen. Immerhin besteht ein Hotel nicht nur aus Zimmer, die es zu besetzen gilt. Das Haus soll die Seele des Hoteliers widerspiegeln, und es ist unsere Aufgabe sie zu verstehen.

Hotel Hubertus (Olang)

Wie gelingt es, in einem Hotelbau globale Sichtweisen mit lokaler Identität zu vereinen? Riskiert man damit nicht, die Besonderheiten der Destination zu verlieren?
Meiner Meinung nach nicht. Die Südtiroler Architektur aus dem 20. Jahrhundert, die für einen neotraditionalistischen Ansatz steht, war z.B. auch nicht typisch für unser Gebiet. Nach diversen Projekten gemeinsam mit verschiedenen Architekturstudios im Ausland, ist es unser Wunsch unsere Erfahrungen auch hier in Südtirol einzubringen, indem wir eine harmonische Synergie mit der lokalen Geschichte des Landes anstreben. Wir sind überzeugt, dass man sich nicht in einer kleinen Welt aus Traditionen einschließen kann. Es ist wichtig, sich anderen Realitäten gegenüber zu öffnen, zu wachsen und sich gemeinsam zu entwickeln.

Gibt es ein Projekt außerhalb von Südtirol, an dem Ihnen besonders viel liegt?
Spontan fällt mir eine gelungene Zusammenarbeit mit einem Hotelier aus Bayern ein. Hierbei handelt es sich um ein Familienhotel, das sich mitten im Wald befindet. Um das Konzept für das Interior Design zu entwickeln, haben wir uns an ein Buch über Kinder-Psychoanalyse inspiriert, das uns geholfen hat, die Gedanken und Sorgen von Kindern mittels Märchen der Gebrüder Grimm besser zu verstehen. Das Designkonzept erlaubt es kleinen Gästen, voll und ganz in ihr Lieblingsmärchen einzutauchen. Gleichzeitig erhalten Eltern die Möglichkeit, ihren Nachwuchs noch besser kennenzulernen. Der Hotelier spielt eine bedeutende Rolle, immerhin muss er in der Lage sein, das Konzept richtig zu kommunizieren und Eltern zu motivieren, sich mehr mit ihren Kindern auseinanderzusetzen.

Die Bemühungen des Hoteliers sind also entscheidend. Kann es auch passieren, dass man nicht in der Lage ist, das hervorragende Design ideal hervorzuheben?
Genau das ist das Problem, das wir angehen müssen. Ich bin der Überzeugung, dass sich unser Studio in eine andere Richtung bewegt: Die Gäste von heute sind anspruchsvoller und suchen vor allem authentische Erlebnisse. Wenn der Hotelier in der Lage ist, diese zu vermitteln, dann sind die Gäste auch gewillt, das premium pricing zu akzeptieren. Andernfalls wird das Haus austauschbar.

Was ist beim Bau eines Hotels aus architektonischer und touristischer Sicht zu berücksichtigen?
Das Hauptproblem ist die Zielgruppe. In Vergangenheit hatten wir die Gelegenheit, mit großen Ketten zu arbeiten. Dabei wurde der Wunschkunde bereits beim ersten Briefing definiert. Zurück in Südtirol ist uns aufgefallen, dass zahlreiche Hoteliers der Zielgruppe nicht genügend Bedeutung zukommen lassen, obwohl es sich um einen fundamentale Entscheidung handelt. Ein kleines Beispiel: Es ist nicht möglich, ein Familienhotel mit derselben Zimmeraufteilung wie bei einer Unterkunft für Pärchen zu planen. Die Festlegung der Zielgruppe gleich zu Beginn ist essentiell für ein überzeugendes Storytelling. Nichtsdestotrotz hat es in Südtirol in den vergangenen Jahren eine Kehrtwende gegeben. Dies ist jungen Hoteliers zu verdanken, die einen neuen Ansatz verfolgen. Viele sind ihrem Beispiel gefolgt, immerhin führt eine gut definierte Zielgruppe zu mehr Profit.

Valentinerhof (Seis am Schlern)

Gibt es in der Hotelarchitektur derzeit neue Trends? Wenn ja: Ist es Ihrer Meinung nach notwendig, diese auch umzusetzen?
Meiner Meinung nicht. Da es sich um Hotels handelt, ist es notwendig, alle 15 Jahre die Zimmer zu renovieren. Insofern ist es nicht möglich, ständig wandelnde Trends zu berücksichtigen. Es ist aber essentiell, die Philosophie des Hoteliers umzusetzen, immerhin ist sie es, die das Hotel einzigartig macht.

Dennoch gibt es einen Trend, der maßgeblich beeinflusst: die Nachhaltigkeit. Wie schwer bzw. leicht ist es, ein umweltfreundliches Hotel zu planen?
Das Konzept der Nachhaltigkeit ist sehr in Mode und es gibt immer mehr Hotels, die sich selbst als green hotel bezeichnen. Ich persönlich finde die Idee spannend, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns. Wir wissen nicht, wie sich nachhaltig gebaute Häuser entwickeln bzw. wie sie in zwanzig Jahren aussehen werden? Sind sie dann noch gut erhalten? Werden sie aufgrund nachlässiger Reinigung und fehlender Belüftung Schimmelprobleme haben? Fest steht: An sich verfolgen Klimahotels ohne Zweifel einen interessanten Ansatz.

Wie gelingt es, Nachhaltigkeit und gutes Design zu vereinen, sprich wie machen Sie sich die Natur zum Freund?
Derzeit arbeiten wir an einem Projekt in einem 52 km2 Naturpark auf der Seiser Alm, wo die Regierung schon seit dem Jahr 2000 vergeblich versucht, den Verkehr von Autos einzuschränken. In den vergangenen zwanzig Jahren ist die Anzahl der Hotels gestiegen, so auch der Verkehr. Wir haben ein kleines Klimahotel geplant, das nur durch einen vom Hotel zur Verfügung gestellten Shuttle erreichbar ist. Es wird aus verschiedenen Chalets mit WLAN und TV bestehen. Nachts wird auf künstliche Beleuchtung vollkommen verzichtet. Stattdessen bekommen Gäste USB-Taschenlampen zur Verfügung gestellt. Ich bin der Meinung, dass ein derartiger Ansatz ein klares Beispiel für nachhaltige Architektur sein kann.