MANAGEMENT

Wie steht es um die Fachkräfte von morgen?

Dass der Personalmangel im Tourismus besonders in den Hotelfachschulen heiß diskutiert und sogar auch in Diplomarbeiten behandelt wird, ist kein Wunder. Schließlich ist dies die Quelle für fachlich ausgebildete Hotel- und Restaurantmitarbeiter, die am Markt mehr als gefragt sind. Doch wie ist die Stimmung bei den Hotelfachschülern, die sich für eine Branche entschieden haben, welche nicht unbedingt zu den beliebtesten zählt? Wir haben uns umgehört.

Aussteigen? Nein, danke!
Aus unseren Gesprächen mit verschiedenen Schülern wird klar, dass alle über die Problematiken in diesem Berufsfeld Bescheid wissen. Doch davon abschrecken lassen sie sich nicht. Weder Veronika Happ noch Leon Rass von der Hotelfachschule Villa Blanka in Innsbruck haben je über einen Berufswechsel nachgedacht. Im Gegenteil: Die beiden sind sich sicher, dass die vielseitige Ausbildung sehr passend für sie ist, und sehen viele Vorteile darin, in der Tourismusbranche zu arbeiten. Schließlich findet man so gut wie überall auf der Welt einen Arbeitsplatz, kann sich völlig entfalten und lernt nie aus. Das reizt sie besonders. So hat Leon zum Beispiel seine Passion im Barkeeping gefunden und würde mit keinem anderen Job tauschen wollen.

Leider gibt es aber auch Fälle, wo das etwas anders aussieht. Laut Andreas Erlacher, Lehrer für Rechtskunde und Volkswirtschaft im Kaiserhof in Südtirol, seien vor allem schlechte Erfahrungen aus den Pflichtpraktika ausschlaggebend, dass Schüler das Gastgewerbe sofort nach der Schule verlassen wollen. Er kennt viele ehemalige Schüler, die heute sehr erfolgreich im Dienstleistungssektor beschäftigt sind. So ist bekannt, dass zum Beispiel Banken sehr gerne Hotelfachschüler anwerben. Dies aufgrund der sozialen Kompetenzen wie Auftreten, Höflichkeit und Benehmen, welche sie aus ihrer Ausbildung mitnehmen. Er kennt aber auch viele Schüler, die weiterhin in der Gastronomie tätig sind und schnell Karriere gemacht haben. „Ich lade häufig erfolgreiche ehemalige Kaiserhof-Schüler ein, um ihre Eindrücke von der Arbeitswelt mit anderen zu teilen. Und diese sind von ihrer Arbeit und Ausbildung sehr begeistert.“

Was sich junge Leute erwarten
Auch Vanessa Pratzner vom Kaiserhof in Südtirol ist mit ihrer Ausbildung mehr als zufrieden und sieht sie als robuste Sprungschanze Richtung Arbeitswelt. Besonders ansprechend finde sie Jobangebote, welche die Kreativität und Motivation ihrer Generation unterstützen. Auch die ökologische Nachhaltigkeit des Betriebs sei für sie persönlich ein wichtiger Aspekt zur Wahl ihres zukünftigen Arbeitgebers. Weniger attraktiv seien all jene Berufe, die sich um reinen Bürokratismus drehen. Was sie sich wünscht: Abwechslung, tagtägliche Herausforderungen und die Möglichkeit, zur Gästezufriedenheit beizutragen. „Gerne möchte ich für meinen Arbeitgeber eine zum Betriebserfolg beitragende Mitarbeiterin sein. Dies setzt voraus, dass ich als Person und nicht als bloße Arbeitskraft angesehen werde“, erklärt die Schülerin. Die Hotelfachschüler scheinen von ihrer Entscheidung überzeugt zu sein. Doch wie sind die Reaktionen von Freunden und Familie?

Das sagt das Umfeld
„Der Job ist hart.“, „Du hast lange Arbeitszeiten.“, „Die Bezahlung ist schlecht.“ – das bekommt Leon oft zu hören. Doch er weiß, das ist nur bedingt richtig. Der Job sei nur hart und schlecht bezahlt, wenn man seinen Beruf entweder nicht mag oder im falschen Unternehmen ist. In einem guten Betrieb arbeitet man mit Menschen, die sich gegenseitig motivieren. Aber solche Leute muss man erst einmal finden. Er gibt zu, dass das Gastgewerbe kein Zuckerschlecken ist, „aber, wenn man Freude daran findet, ist es der beste Beruf der Welt.“ Anders sieht es bei Vanessa aus. Sie hatte bisher immer mit Menschen zu tun, die sie in ihrer Berufswahl unterstützten. Sie konnte sogar andere Leute aus ihrem Umkreis für die Tourismusbranche begeistern. Veronika hingegen glaubt, dass skeptische Reaktionen nur dadurch zustande kämen, dass viele ein etwas veraltetes und falsches Bild von der Arbeit im Tourismus haben. Ihre bisherigen Arbeitserfahrungen waren durchwegs positiv. Das hat sie bestärkt und ihr gezeigt, dass es auch in der Gastronomie geregelte Arbeitszeiten und faire Arbeitsbedingungen gibt. Zwei zentrale Ansätze, deren Wichtigkeit auch der Direktor des Kaiserhofs Hartwig Gerstgrasser nochmals betont.

Was muss sich ändern?
„Die Frage nach mehr zeitlichen Spielräumen, für die Familie oder die Freizeitgestaltung, und nach zusätzlichen Benefits steht immer mehr im Vordergrund“, meint Herr Gerstgrasser. Bekanntlich seien für die Jugendlichen der Generation Z gewisse Themen wichtiger als früher. Sie schätzen das Hotel- und Gastgewerbe als interessanten Aufgabenbereich, weil er mit Menschen zu tun hat. Das wird auch durch die Digitalisierung nicht beeinträchtigt. Andererseits erwarten sich motivierte Mitarbeiter mehr Einbezug, Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Welt ruft!
Auch wenn es noch viel zu tun gibt, hat die Gastronomie dennoch ihre Sonnenseiten. So ist der Tourismus insgesamt ein sicherer Arbeitgeber, denn es kommt eine Zeit nach der Pandemie – eine Zeit, in der sich die Menschen mehr wie je zuvor nach Reisen sehnen. Auch für die Hotelfachschüler selbst spielt das Reisen eine zentrale Rolle. Dank des weltweiten Jobangebots im Gastgewerbe haben sie die Möglichkeit, gleichzeitig zu arbeiten und die Welt zu entdecken.

Die Hotelfachschulen begrüßen es, wenn es Absolventen ins Ausland zieht. Die jungen Menschen lernen dabei viel Neues kennen, festigen und erweitern ihre Sprachkenntnisse, die gerade im Tourismus in Südtirol unentbehrlich sind. Im Kaiserhof wird daher bereits während der Ausbildung großer Wert auf entsprechende Kompetenzen gelegt und Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch unterrichtet.

Mit frischen Ideen zurück nach Hause
Erst in der Fremde lernt man das Besondere der eigenen Heimat schätzen. Für den Direktor des Kaiserhofs ist es wichtig, diese ausgebildeten Fachkräfte mit all ihrer Erfahrung irgendwann wieder für Südtirol zu gewinnen, denn gerade sie sind mit ihrer Kreativität eine Bereicherung für den heimischen Tourismus.

Und Covid?
Unsere Nachforschungen zeigen: Es gibt nach wie vor Leute jeden Alters, die für das Gastgewerbe brennen. Trotzdem hat die Pandemie ihre Spuren hinterlassen. Es gilt, neue Herausforderungen zu meistern, besonders für die Schüler. Beatrix Kirchler, Professorin für Tourismus- und Hotelmanagement an der Villa Blanka, zählt dazu vor allem Herausforderungen im Umgang mit sich selbst, mit Ungeduld und Unfreiheit, mit dem Mangel an Austausch und direkten Kontakten. Aber es gebe auch Herausforderungen in der Ausbildung durch den Wegfall der Trainingsmöglichkeiten bei Veranstaltungen, Projekten und Events. Gerade deshalb würden sich die Schüler und Lehrer immens auf den Präsenzunterricht freuen und auch die Villa Blanka selbst verzeichne laut ihrer Direktorin Sabine Wechselberger wieder mehr Anmeldungen als im Vorjahr.

Gestärkt aus der Pandemie hervorzugehen – das ist das Ziel der Schüler. Bei ihrer Ausbildung werden sie dazu ermutigt, ihre eigenen Fähigkeiten zu erkennen, zu trainieren, einzusetzen und Chancen zu sehen. Chancen sieht Vanessa vor allem im ständigen Wandel des Tourismussektors: „Gastronomen waren und sind durch die Anpassung der sich ständig ändernden Anforderungen und Wünsche der Gäste darauf angewiesen, spontan handeln zu können, was sich in den beiden letzten Jahren als Stärke erwiesen hat. Begeistert beobachte ich die Veränderungen der Gastronomie und dies gibt mir den Ansporn, auch ein Teil dieser Weiterentwicklungen zu werden.“