BUSINESS TALK

Wohin geht die „Reise“?

Was die Zukunfts- und Trendforschung sagt

Die in Frankfurt am Main lebende Trend- und Zukunftsforscherin Anja Kirig beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit soziokulturellen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Der Bereich Tourismus, aber auch Themenschwerpunkte rund um Gesundheit und Ernährung stehen im Fokus ihrer Forschungen.
„Heute schon erfahren, was morgen die Menschen bewegt”, ist ihre Mission. Unter anderem ist sie für das 1998 gegründete Zukunftsinstitut tätig, welches heute als international führendes Sprachrohr bei der Ermittlung von Trends gilt. Welche Veränderungen der Post-Corona-Tourismus bringen könnte, hinterfragen wir im Gespräch mit der Expertin.

Gäste möchten auf Reisen berührt werden.

Ende 2019 hat das Zukunftsinstitut eine Studie mit dem Titel „Der neue Resonanz-Tourismus” veröffentlicht. Was können wir uns darunter vorstellen?
Dabei geht es grundsätzlich um die Gestaltung einer Beziehung. Diese kann auf zwischenmenschlicher Ebene entstehen, aber auch von einem Menschen zu einem Raum, einem Objekt oder zum Beispiel einem Landschaftsbild aufgebaut werden. Wir können uns vorstellen, dass Reisende nach Beziehungserfahrungen suchen, die weit über das reine Erlebnis hinausgehen. Es geht nämlich um Erfahrungen, die den Reisenden in seiner Person nachhaltig prägen und sein Bedürfnis nach Entwicklung stillen. Zusammenfassend könnten wir sagen: Gäste möchten auf Reisen berührt werden.

„Jeder Gastgeber sollte versuchen, zum Resonanz-Manager zu werden.”

Hat die Corona-Pandemie das Verlangen nach solchen Resonanz-Erfahrungen von Seiten des Gastes noch einmal mehr verstärkt?
Ich würde sagen „Jein“, denn es gab dieses Verlangen ja schon davor. Trends setzen sich erfahrungsgemäß in verschiedenen Phasen durch, die eine gewisse Zeit beanspruchen. Die Pandemie hat diesen Prozess aber beschleunigt. Denken wir an die einfache Tatsache, dass Reisen zuvor eine Selbstverständlichkeit war. Immer, überall und für wenig Geld. Das war problemlos machbar. Die Reisebeschränkungen durch die Pandemie haben sicher dazu geführt, dass Menschen ihre Entscheidung, eine Reise anzutreten, nun viel bewusster treffen. Dabei achten sie mehr als je zuvor auf Aspekte wie Vertrauen, Qualität und natürlich das Thema Sicherheit.

Nachhaltige Mobilität steht vermehrt im Fokus.

Sie sind als Trendforscherin tätig. Welchen Umschwung hat diese Zeit der großen Unsicherheit und Unberechenbarkeiten in Ihre Tätigkeit gebracht?
Natürlich haben wir diesen „Covid-19-Impact” gespürt und mussten viele unserer Themen neu beleuchten und unsere Tätigkeiten umorganisieren. Was wir beobachten konnten, war ein Anstieg von Anfragen aus Bereichen der Öffentlichkeit wie Verbänden oder Institutionen, die die Chance dieses Stillstandes genutzt haben, um an der Struktur ihrer Organisationsform zu arbeiten. Dabei haben sie nach unterstützenden Impulsen aus der Trend- und Zukunftsforschung gesucht.

Stichwort Digitalisierung. Einen Gast „digital” zu begeistern und abzuholen war schon lange vor der Corona-Krise eine verbreitete Devise. Umso mehr hat die durch die Pandemie bedingte Distanzierung zwischen Gast und Gastgeber auf digitale Vernetzungen gesetzt. Worauf kommt es Ihrer Meinung nach dabei besonders an?
Hier geht es in meinen Augen wieder um das Schlagwort Resonanz. Wie schaffe ich es, auch auf digitaler Ebene diesem Wunsch nach nachhaltigen Beziehungserfahrungen gerecht zu werden? Der Anbieter sollte auf authentische Weise Einblick in sein Angebot geben. So nach dem Motto „Erlebe meinen Urlaubsort auch bei dir zu Hause”. Empathie kann auf digitaler Ebene erfolgen, wenn Authentizität die Basis darstellt. Es geht darum, Lebensgefühle, die mein Angebot prägen und einzigartig machen, für den Gast greifbar zu machen. Möge es die Landschaft sein, die Besonderheit der Unterkunft oder die des Gastgebers selbst. In diesem Zusammenhang möchte ich außerdem die Innovationen im Bereich der Technologien ansprechen, die durch die Krise nochmal intensiviert worden sind. Viele neue Möglichkeiten wie digitale Menükarten oder Online-Check-ins haben dazu beigetragen, dem Gast in puncto Sicherheit viel Vertrauen zu geben und ihn zu beruhigen.

 

Was sich der Gast von morgen erwartet.

 

Unterwegssein und Beziehungen aufbauen wird in einer globalen, kosmopolitischen Welt auch nach Corona elementar bleiben. Wenn auch unter anderen Bedingungen und mit bleibenden Herausforderungen. Kollaboration statt Konkurrenz sollte dabei zum obersten Prinzip werden. Die aktuelle Phase darf sich daher nicht darum drehen, wie ein Prä-Corona-Zustand wiederhergestellt werden kann, sondern welche Stellschrauben jetzt gedreht werden müssen, um nachhaltig wirtschaftlich, ökologisch und auch technologisch für eine Post-Corona-Reisewelt gewappnet zu sein.
(Aus einem Artikel von Anja Kirig: Urlaub von Corona: Tourismus Standortbestimmung, http://anjakirig.de/blog/urlaub-von-corona-tourismus-standortbestimmung/, konsultiert am 23.02.2021)


Zu Ihren Forschungsschwerpunkten zählen auch die Themen Gesundheit und Ernährung. Wohin wird diese „Reise” künftig gehen?

Die Corona-Krise hat diesen Themen einen neuen Stellenwert eingeräumt. Allen voran physische Gesundheit, aber auch psychisches Wohlbefinden, innere Balance usw. stehen an vorderster Front. Es geht hier in meinen Augen um einen holistischen Prozess, sprich eine gesamtheitliche Veränderung, wonach der Gast strebt. Es geht sowohl um die eigene Gesundheit als auch jene unseres Lebensraumes, der wiederum Einfluss auf unser Wohlbefinden nimmt. Stellen wir es uns wie ein Kreislaufsystem vor. Ein zu beobachtender Trend war zum Beispiel eine höhere Nachfrage nach pflanzlicher Ernährung. Diese steht nicht nur im Fokus einer gesünderen Ernährung, sondern kann zu einer gesünderen Umwelt und nicht zuletzt zu gesünderem Miteinander beitragen. Da werden die eigenen Befindlichkeiten und jene der Ökologie sowie Ethik angesprochen. Auch der Begriff Resilienz kann in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Damit ist eine gewisse Widerstandsfähigkeit gemeint, die wir uns nach schwierigen Momenten und Herausforderungen wie nach dieser Pandemie aufbauen. Das Thema der gesunden Ernährung hat hier sicher für viele einen noch wichtigeren Stellenwert eingenommen als zuvor. Durch gesunde Ernährung versuchen wir auf noch bewusstere Art diese Abwehr für Körper, aber auch Geist bestmöglich aufzubauen.

Welche ist in Ihren Augen die größte Chance dieser Corona-Krise für die Hotelbranche?
Die starke Reduzierung vieler alltäglicher Tätigkeiten hat zu einer Zwangsentschleunigung geführt. Dieser neue, in dieser Form noch nie da gewesene Kontext, hat vielen Unternehmen zum ersten Mal die Möglichkeit gegeben, einen Raum für Reflexion zu schaffen. Damit meine ich die Zeit, um sich zu fragen: Was kann ich tun, um mich neu aufzustellen? Was lehrt mich diese Krise und wie schaffe ich es, mit Neugierde in die Zukunft zu schauen, um den großen Herausforderungen gewachsen zu sein?

Die vier wichtigsten Bedürfnisse des Post-Corona-Gastes?
Vertrauen, Qualität, Beziehung und Erfahrung.

Dieses Interview wurde am 04.02.2021 geführt.

Weitere Informationen zur Trend- und Zukunftsforscherin Anja Kirig finden Sie unter www.anjakirig.de